Was tue ich im Coaching, bevor wir das erste Anschreiben anfassen? Ich bitte meine Klient:innen, die Seiten zu wechseln.
Nicht metaphorisch, sondern ganz konkret: Stell dir vor, du bist Personaler:in. Vor dir liegen 80 Bewerbungen. Studien zeigen, dass 66 % der Recruiter:innen weniger als 30 Sekunden für ein Anschreiben aufwenden. Beim Lebenslauf entscheidet oft schon der erste Scan, der laut aktuellen Eye-Tracking-Untersuchungen bei unter zehn Sekunden liegt.
Was sucht jemand in dieser Zeit? Nicht schöne Formulierungen, sondern: Passt das hier zu dem, was wir brauchen?
Meine Formulierung dafür im Coaching lautet: Präsentiere deine wichtigsten Informationen auf dem Silbertablett. Mach der Person, die über deine Einladung entscheidet, die Arbeit leicht. Das ist kein Trick, sondern Respekt vor der Zeit des anderen, gepaart mit dem Wunsch, wirklich gesehen zu werden.
KI kann dabei helfen, allerdings anders, als die meisten denken.
Inhalt
Nicht fürs Anschreiben. Für die Analyse davor.
Die meisten setzen KI ein, um ihren Text zu glätten oder schneller einen Entwurf zu haben. Das ist in Ordnung, aber es ist das Ende des Prozesses, nicht der Anfang.
Im Coaching arbeite ich mit KI für drei Analysen, die vor dem ersten geschriebenen Satz stattfinden. Diese Schritte sind es, die dazu führen, dass ein Anschreiben nicht nach Vorlage klingt, sondern nach dir und nach dieser Stelle.
Schritt 1: Wer bist du als Bewerber:in?
Das Riemann-Thomann-Kreuz beschreibt vier Grunddimensionen der Persönlichkeit: Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel. Im Coaching nutze ich es, um herauszufinden, wie jemand arbeitet, kommuniziert und welche Unternehmenskultur langfristig passt.
Mit KI lässt sich das in einen interaktiven Analyseprozess verwandeln. Du musst das Modell nicht kennen, denn du beantwortest einfach Fragen, und die KI wertet dein Profil aus.
Prompt für die Riemann-Thomann-Analyse:
Ich möchte verstehen, welcher Bewerbungstyp ich bin. Nutze das Riemann-Thomann-Modell mit den vier Dimensionen Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel. Stelle mir 8 bis 10 Fragen und werte meine Antworten anschließend aus. Erkläre mir, welche Unternehmenskultur zu meinem Profil passt, wo ich langfristig aufblühe und welche Aspekte einer Stelle mich eher belasten würden.
Was danach passiert: Du weißt nicht nur mehr über dich, sondern hast eine Grundlage, um Stellen zu bewerten, bevor du dich bewirbst. Passt die ausgeschriebene Stelle zu dem, wie du arbeitest? Passt die Unternehmenskultur zu deinen Grundbedürfnissen? Mehr zum Riemann-Thomann-Modell findest du in meinem Artikel zum Bewerbungstyp hier auf dem Blog.
Schritt 2: Wo steht das Unternehmen?
Der häufigste Fehler in Anschreiben: Sie könnten an 20 andere Unternehmen genauso verschickt werden. Kein Bezug auf die spezifische Situation des Unternehmens, keine Ahnung von den aktuellen Herausforderungen, keine Verbindung zwischen der eigenen Erfahrung und dem, was die Stelle gerade braucht.
KI kann helfen, das zu ändern.
Prompt für die Unternehmensanalyse:
Analysiere dieses Unternehmen für mich: [Name oder Website-URL einfügen]. Wo steht das Unternehmen gerade? Was sind aktuelle strategische Herausforderungen oder Veränderungen? Was wird von der Person in dieser Rolle erwartet, wenn ich mir die Stellenanzeige anschaue: [URL oder Inhalt der Stellenanzeige einfügen]? Welche Werte prägen die Unternehmenskultur laut Außendarstellung?
Das Ergebnis gibt dir eine fundierte Basis, um im Anschreiben nicht über dich zu reden, sondern über das Unternehmen und darüber, wie du zur Lösung seiner aktuellen Aufgaben beiträgst.
Schritt 3: Das Spinnendiagramm
Das ist mein Lieblingsschritt im Coaching, weil er sichtbar macht, was sonst abstrakt bleibt: das Matching zwischen dem, was eine Stelle fordert, und dem, was du mitbringst.
Der Ablauf ist zweistufig: Zuerst analysiert die KI die Stelle. Dann gibst du dein eigenes Profil ein. Am Ende liegen beide Grafiken übereinander.
Prompt, Schritt 1: Die Stelle analysieren
Rufe diese Stellenanzeige auf: [URL einfügen]. Analysiere das Erwartungsprofil an die Expertise der bewerbenden Person. Was muss man für diese Stelle können und mitbringen? Stelle das als Spinnendiagramm dar mit den wichtigsten Kompetenzbereichen auf einer Skala von 0 bis 10.
Prompt, Schritt 2: Das eigene Profil drüberlegen
Erstelle jetzt auf Basis meiner Angaben ein zweites Spinnendiagramm: [Hier eigene Stärken, Erfahrungen und Fachkompetenzen beschreiben]. Lege mein Profil über das der Stelle, sodass ich sehe, wo meine Stärken mit den Erwartungen übereinstimmen und wo noch Lücken sind.
Was das bringt: Du siehst auf einen Blick, wo du stark bist im Vergleich zu dem, was gesucht wird. Außerdem erkennst du, wo du im Anschreiben aktiv erklären musst, warum eine scheinbare Lücke kein Problem ist, oder wie andere Erfahrungen sie ausgleichen.
Vom Analyseergebnis zum Anschreiben, das ankommt
Wenn diese drei Analysen vorliegen, schreibt sich das Anschreiben anders. Nicht unbedingt schneller, aber gezielter.
Du weißt, welche deiner Kompetenzen zur Stelle passen, und kannst sie konkret benennen, statt allgemein von Erfahrung zu sprechen. Gleichzeitig kennst du die aktuellen Herausforderungen des Unternehmens und kannst erklären, wie du damit umgehst. Am Ende nimmst du die Personaler:innen an die Hand: Hier ist, warum ich zu euch passe, und hier ist der Beleg.
Das ist der Unterschied zwischen einem Anschreiben, das über sich selbst spricht, und einem, das die Perspektive des Gegenübers einnimmt.
Was KI dabei kann und was nicht
KI kann analysieren, strukturieren und sichtbar machen. Sie kann helfen, eine Stelle besser zu verstehen, das eigene Profil dagegenzuhalten und Formulierungen zu schärfen.
Was sie nicht kann: wissen, welche Erfahrung du wirklich gemacht hast. Welchen Erfolg du in einer schwierigen Situation gezeigt hast. Was dich an genau dieser Stelle antreibt. Das ist dein Teil. Und es ist der entscheidende.
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Welche KI eignet sich am besten für die Bewerbung?
Claude und ChatGPT sind beide geeignet. Claude liest URLs direkt aus, was den Unternehmensanalyse-Prompt und den Spinnendiagramm-Prompt besonders einfach macht: Du gibst die URL der Stellenanzeige ein und bekommst die Analyse sofort.
Kann ich mein Anschreiben komplett von KI schreiben lassen?
Technisch ja. Empfehlenswert ist es nicht, weil KI weder deine konkreten Erfolge kennt noch das, was dich an genau dieser Stelle antreibt. Das beste Ergebnis entsteht, wenn du die